Seit einem halben Jahr ist Jakob Hoi Chef-Bundestrainer. Seit 1. Mai 2009 leitet er das Stützpunkttraining Herrendoppel und Mixed in Saarbrücken. Mit Michael Stauner hat er über seinen Tagesablauf, die Leistungsexplosion von Oliver Roth und über die Unterschiede zwischen dänischem und deutschem Badminton gesprochen.
Noch vor seinem ersten offiziellen Arbeitstag coachte Hoi am 30. April 2009 beim Freundschaftsländerspiel in Warschau gegen Polen. “Nur 50 Zuschauer und ein Spielfeld – das war ein Spaß”, erinnert er sich zurück. Kurz danach ging es direkt zum Sudirman-Cup nach China. Im Februar 2010 wurde der Däne dann befördert.
“Ich bin in ein System hineingekommen, in dem alles läuft”, sagt Hoi. Was genau macht er dann? “Ich stelle die kritischen Fragen in Richtung Qualität”, gibt er zu Protokoll. Hoi geht es nicht nur um Ergebnisse. Er möchte eine Entwicklung bei den Spielern sehen. “Wir legen den Fokus viel mehr auf individuelles Training”, nennt er ein Maßnahme, für die er als Bundestrainer gesorgt hat. Außerdem arbeiten die einzelnen Gruppen disziplinübergreifend in physischen Trainingseinheiten mehr zusammen. Ihm ist es wichtig, dass sich die Trainer untereinander austauschen, all ihre Athleten kennen. Wenn jeder Trainer weiß, was dem anderen wichtig ist, kann er bei Turnieren auch Schützlinge der Kollegen sinnvoll unterstützen.
Zwischen Papierkram und Halle
Ein regulärer Arbeitstag des Chef-Bundestrainers in Saarbrücken dauert schon einmal zwölf Stunden. In der Früh um acht steht die erste Trainingseinheit auf dem Programm, anschließend wird mit den Spielern individuell gesprochen. Danach ist Bürozeit angesagt. Hoi kümmert sich um den Turnierkalender, der bis zu 23 Turniere jährlich umfasst und koordiniert das Kadertraining. Denn ihm ist wichtig, dass alle Bundestrainer wissen, was der andere macht. Da die Athleten je nach Disziplin aber in Saarbrücken oder Mülheim an der Ruhr durch die Halle jagen, ist das gar nicht so einfach. Deswegen spricht Hoi gegen Mittag mit den Trainern in Mülheim. Dann bereitet er das Training mit seinen Schützlingen nach. Nachmittags steht eine zweite Übungseinheit in der Halle an, manchmal kommt noch Krafttraining als dritte Trainingseinheit dazu. Dieser Alltag nimmt allerdings nur rund die Hälfte des Jahres ein. Die andere Hälfte verbringt Hoi mit seinen Spielern auf Turnierreisen. Erst am Wochenende ist er aus den USA zurückgekommen. Zwei Wochen hat er in Nordamerika Urlaub gemacht, zwei Wochen betreute er die deutschen Topspieler bei Turnieren in Kanada und in den USA. Mit Erfolg: Birgit Overzier und Michael Fuchs schalteten bei den US-Open starke Konkurrenten aus und gewannen ihren ersten Grand Prix Gold.
Chance für Roth
Die Paarungen für die Olympia-Qualifikation haben sich inzwischen gefunden. Neu dabei ist Oliver Roth. Er habe einen Riesenschritt in allen Bereichen gemacht und bekommt jetzt an der Seite von Michael Fuchs seine Chance. Die Leistungen auf dem Spielfeld und im Training sprechen für den Rosenheimer. Doch es war insbesondere das professionelle Verhalten des Spielers, der Hoi zu diesem Schritt bewogen hat. Professionelles Verhalten ist dem Dänen sehr wichtig. Dazu gehören auf Trainingsebene, sich individuell zu verbessern und sich physisch vor- und nachbereiten. Darüber hinaus spielt der “Lifestyle” des Athleten eine Rolle, sowie eine duale Karriereplanung. Im professionellen Verhalten liegt der Schlüssel zum Erfolg deutscher Spieler.
Vom Jugendcoach zum Vollzeit-Bundestrainer
Früher war er U19-Nationaltrainer in Dänemark, hatte gleichzeitig zwei oder drei Arbeitgeber. Als Bundestrainer arbeitet er Vollzeit, kümmert sich um eine Gruppe. “Im Erwachsenenbereich geht es um Optimierung”, um den Vergleich mit dem Gegner. Und: “Hier habe ich täglich Kontakt zu den Spielern.” Die Arbeitsbedingungen sind besser. Hoi verbringt qualitativ mehr Zeit mit den Athleten und kann sie dadurch qualitativ besser fördern. Doch er sieht noch gravierende Unterschiede zwischen den Bedingungen für professionelles Badminton in seinem Heimatland und dem Land, das er trainiert.
Dänen sind besser
“Die Dänen haben von der ersten bis hinunter zur sechsten Liga ein riesiges Mannschaftsgefühl”, sagt Hoi. Das mache sie so dominant. “Viel mehr Dänen haben Kontakt mit Badminton. Daher gibt es in Dänemark sehr viele gute Spieler und Trainer.” Daher sind sie im Schnitt technisch besser ausgebildet. Hoi kennt sowohl die dänische als auch die deutsche Badmintonszene. Worin der Unterschied liegt? “In der Weltrangliste. Die Dänen sind besser”, sagt Hoi. Woran das liegt? Mit nur einem Wort bringt Hoi die Gründe auf den Punkt: Kultur.
Der Sport mit dem Federball ist bei den Nordeuropäern flächendeckend beliebt, steht auf einer Ebene mit Fuß- und Handball. Die breite Öffentlichkeit interessiert sich für Badminton. Nicht nur für Länderspiele und Turniertriumphe, sondern auch für die heimische Liga. Da hat Deutschland Nachholbedarf. Und mit der Änderung des Bundesliga-Modus ein Zeichen in die richtige Richtung gesetzt. Durch die Reduktion auf sechs Spiele pro Ligapartie ist es wichtiger, früh zu punkten. Gewünschte Auswirkungen: Mehr Qualität, mehr Zuschauer und mehr Sponsoren. Dem Chef-Bundestrainer passen die Dienstagsspiele ins Konzept. Sie seien eine gute Idee, entlasten die Turnierspieler, sorgen für mehr freie Wochenenden.
Spielkultur, aber keine keine Geduld
“Die Kultur können wir nicht auf einen Schlag ändern. Aber genau da liegt der Anfang”, erklärt Hoi, wenn es um die Qualität des Sports geht. Ein Anfang ist mit der Umstrukturierung der Liga gemacht. Wenn alles gut läuft, entwickelt sich dadurch auch ein Mannschaftsgefühl bis in die tieferen Ebenen hinunter. Wie in Dänemark. Doch die Dänen können nicht alles besser. “Dänemark hat viele Talente, die schludern. Technik ist nicht alles”, weiß Hoi und kennt auch den Nachteil der europäischen Badmintonnation: “Dänen haben keine Geduld.”
Die Dänen profitieren von ihrer Spielkultur, können sich jedoch noch eine Sache von Badminton-Deutschland abschauen. “Deutsche haben die bessere Arbeitsmoral. Sie sind Perfektionisten”, lobt Hoi. Da wären wir wieder bei der professionellen Einstellung. “Wenn die Anderen mehr Möglichkeiten haben, aber Deutsche gewinnen, dann machen wir etwas richtig”, sagt Hoi anerkennend. Badminton-Deutschland ist auf einem sehr guten Weg.