Lord Kelvin, der die nach ihm benannte Temperaturskala einführte, lehrte Physik in Glasgow. Die Temperaturen in der Kelvin Hall bei den Bank of Scotland International Badminton Championships sind mit denen bei der WM in Paris allerdings nicht vergleichbar...
Einige der berühmtesten Erfinder der Geschichte kamen aus Schottland, so etwa James Watt, der Erfinder der Dampfmaschine, oder Alexander Graham Bell, der das Telefon zur Marktreife entwickelte. Vorn dabei ist auch William Thomson, erster Baron Kelvin, der in Glasgow Professor für theoretische Physik war und die nach ihm benannte absolute Kelvin-Skala einführte. Auch auf seinen Namen getauft ist die Kelvin Hall, in der zur Zeit die Bank Of Scotland International Badminton Championships ausgetragen werden.
Hätte sich Lord Kelvin nicht mit theoretischer Physik befasst, sondern sich stattdessen mit praktischen Dingen wie der Innen- und Außendämmung von Gebäuden beschäftigt, wäre es für die Zuschauer auf den Tribünen heute wohl angenehmer. Fast möchte man meinen, in der riesigen Halle laufen Versuche, um festzustellen, wie nahe man dem Nullpunkt auf der Kelvin-Skala kommen kann, ohne dass die Federn im Ball beim Smash zerspringen oder die Schiedsrichter auf den Sitzen einfrieren. Die kalte Luft, die aus unerfindlichen Gründen von der Lüftung in die Halle geblasen wird, hätte man sich bei der Weltmeisterschaft in Paris gewünscht* und im Presseraum darf man wegen Blitzeisgefahr seinen Kaffee nicht verschütten.
Ja, die Wärmedämmung wurde in England nicht erfunden und hat bis zum heutigen Tage ebenso wie andere Brotsorten als Toast nicht den Weg durch den Eurotunnel ins Vereinigte Königreich gefunden. Während in Deutschland demnächst fünffach verglaste Fenster gesetzlich vorgeschrieben werden, hätte ich ohne die Beschriftung "opened" und "closed" auf den Schiebefenstern in meinem Hotel in Edinburgh den Unterschied kaum wahrgenommen. Und hier in Glasgow habe ich noch nicht herausgefunden, wie ich mein Badezimmer anders auf eine halbwegs angenehme Temperatur bringe, als im Schlafraum die Klimaanlage auf 35 Grad (Celsius) zu drehen und die Tür aufzumachen.
Nun, warum auch heizen, denken sich die Einwohner der britischen Inseln vermutlich. Nicht umsonst kommen auch einige der erfolgreichsten Polarforscher aus dem Vereinigten Königreich und wenn man auf den Straßen die Nachfahren eines Robert Falcon Scott sieht, kommt man sich als Kontinentaleuropäer sowieso als Weichei vor. Die Jogger laufen auch nahe dem Nullpunkt in Shorts und T-Shirt, ganz zu schweigen von den Mädels im Minirock und den Jungs im kurzen Hemd, die um Mitternacht vor der Disco Schlange stehen. Auch die Schulkinder in ihren Uniformen tragen nur knielange Hosen und haben noch nicht auf Winterkleidung umgestellt. Haben sie überhaupt Winterkleidung?
Hat Alexander Graham Bell das Telefon perfektioniert, um aus dem New Yorker Exil seinen Verwandten in UK mitzuteilen, dass es in den Staaten wärmer sei - oder dass dort zumindest die Heizung funktioniert? Hat James Watt die Dampfmaschine erfunden, um sich mit Hilfe von motorgetriebenen Fahrzeugen schneller in den sonnigen Süden abzusetzen? Wir wissen es nicht. Und freuen uns, dass nicht überall die gleichförmig perfekten Mehrzweckhallen errichtet werden. Ziehen wir eben drei Pullover übereinander an, damit es dem Schotten im Kilt nicht zu warm wird. Und gehen zum Weihnachtsmarkt beim St. Enoch Shopping Center und wärmen uns mit deutschem Gulasch und Glühwein soweit auf, dass wir auch den nächsten Tag in der Kelvin Hall überleben, ohne die Schlittenhunde schlachten zu müssen.
*Schweiß perlt in der Badminton-Sauna - die WM-Kolumne aus Paris
Marcel Reuter und Dimo Ruhnow frieren am Spielfeldrand. [Alle Fotos: Sven Heise]