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International, Persönlich

25.02.2011 11:22

Von einer, die auszog – um zurückzukehren

Von: Pascal Blum

Xu Huaiwen kehrt nach Europa zurück [Foto/Archiv: Sven Heise]

„Wer A sagt, muss auch B sagen“, heißt eine Redensart. Doch Huaiwen Xu würde diesen Spruch anders enden lassen. Etwa so: Man muss nicht B sagen – man kann auch erkennen, dass man keine Lust auf B hat. Im Sommer 2009 hängte Deutschlands bisher beste Badminton-Spielerin aller Zeiten den Schläger an den Nagel, sagte dem Leistungssport „Adieu“, packte ihre Koffer und zog mit ihrem Ehemann in die USA. In Seattle studierte die ehemalige Spielerin des Bundesligisten BC Bischmisheim BWL und Sport.

Doch Mitte Februar schlug eine Nachricht wie eine Bombe ein: Der niederländische Badmintonverband gab auf seiner Internetseite bekannt, dass Xu die neue Nationaltrainerin unseres Nachbarn wird. Mission USA gescheitert? „Nein“, sagt die zweifache Europameisterin wie aus der Pistole geschossen, „es war kein Fehler. Ich konnte in diesen eineinhalb Jahren allerhand Erfahrungen sammeln, die ich nicht missen möchte. Als hauptverantwortlicher Trainer kümmerte ich mich in meinem Badminton-Club um fast alles. Es war sehr lehrreich, einen so großen Club am Laufen zu halten. Da habe ich viel gelernt.“

Zu der Anstellung als neuer „Bondscoach“ sei sie gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. „Es war purer Zufall“, berichtet die 35-Jährige. Ende November las sie die Trainer-Ausschreibung des niederländischen Verbandes im Internet und dachte sich: „Na, da kannst du dich doch mal bewerben.“ Sie hat nicht lange überlegt, hat spontan entschieden. Aus dem Bauch heraus. Und die Einladung zu einer Schnupperwoche am holländischen Badminton-Stützpunkt in Papendal ließ nicht lange auf sich warten – kein Wunder, bei diesen Referenzen und einem Empfehlungsschreiben, das mit einer ellenlangen Liste von Erfolgen nur so gespickt ist. Die fünffache deutsche Meisterin ist in der Badminton-Welt schließlich nicht irgendwer.

„In dieser Probewoche habe ich mir alles genau angeschaut und mir hat die Arbeit mit den Spielern richtig Spaß gemacht. Ich habe den Unterschied zu der Hobby-Spielerei bei mir im Club deutlich gemerkt“, berichtet die 64-fache Nationalspielerin. Dann kam sie ins Grübeln: „Soll ich – oder soll ich nicht?“ Und es dauerte eine Zeit, bis sie wusste, was sie wirklich will. „Die Leute in den USA sind zwar alle sehr nett und die Kinder habe ich in mein Herz geschlossen – aber ich merkte, es ist nicht meine Leidenschaft. Denn das ist der Leistungssport“, meint Xu.

Doch eine solche Bewerbung schickt man nicht ab, wenn alles wie am Schnürchen klappt und Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. „Als ich in die USA ging, war ich müde. Mein Kopf war leer, mein Körper tat mir an fast jeder Stelle weh und ich war es auch leid, immer unterwegs zu sein. Andauernd diese langen Reisen. Jetzt habe ich wieder Kraft und das Reisen fehlt mir sogar irgendwie“, erzählt Saarlands Sportlerin des Jahres 2006. Magisch zieht es sie also zurück zum Profisport. Denn der hat ihr gefehlt, wie sie es am Anfang nicht für möglich gehalten hätte. Ihr Studium ist erstmal auf Eis gelegt. Verantwortlich für die Damen und Herren arbeitet sie nun mit den Top-Spielern aus den Niederlanden. Mit einem vom 1. April 2011 bis Ende 2012 laufenden Vertrag ausgestattet, ist ihr vorgegebenes Ziel, möglichst viele von ihnen zu den Olympischen Spielen nach London zu bringen. Mit Sack und Pack wird sie nach Arnheim ziehen, dort in unmittelbarer Nähe befindet sich Papendal. Ehemann Bin wird erstmal in Bellevue – einer 117.000 Einwohnerstadt östlich von Seattle – bleiben. „Ihm gefällt es dort. In unserem Stadtteil leben 40 Prozent Chinesen, der Anteil der Asiaten liegt bei 80 Prozent. Aber ich will jetzt das machen, worauf ich unheimlich Lust habe“, macht die zweifachen WM-Bronze-Medaillengewinnerin deutlich.

Dabei hätte die Chinesin mit deutschem Pass auch die schwarz-rot-goldene Fahne hochhalten können. Nach dem Ende ihrer Karriere bekam sie vom Deutschen Badminton Verband und vom BC Bischmisheim ein Angebot, als Trainerin am Saarbrücker Olympia-Stützpunkt zu arbeiten. Diese Offerte schlug sie damals aus. „Und jetzt befinden wir uns mitten in der Olympia-Qualifikation, da sind eigentlich alle Trainerstellen besetzt. Es war halt nur dieser eine Job frei“, gibt sie achselzuckend zu verstehen. Nach ihrem Votum für das Oranje-Team hat sie auch Bundestrainer Jeroen van Dijk um Rat gefragt, als Holländer kennt ihr Ex-Coach die Strukturen im niederländischen Verband genau. Weiter hat sie mit den beiden deutschen Top-Spielern Juliane Schenk und Marc Zwiebler gesprochen. Xu: „Die verstehen meine Situation und haben mich in meiner Entscheidung bestärkt. Vor allem freuen sie sich, mich nun wieder öfter bei Turnieren zu sehen.“

Huaiwen Xu ist froh, bald wieder in Europa zu sein – vor allem in der Nähe von Deutschland. „Nun kann ich meine Freunde hier wieder regelmäßig sehen. Nach Mülheim zum Badminton-Stützpunkt der Damen sind es gerade mal 110 Kilometer. Und nach Saarbrücken brauche ich mit dem Auto so etwa vier Stunden – das ist nicht weit“, lacht die ehemalige Weltklasse-Spielerin, als hätte sie den Routenplaner auswendig gelernt. Und wie geht es nach Vertragsende weiter? „Das kann ich nicht sagen. Da will ich mich nicht festlegen. Kann sein, dass ich in Europa bleibe. Kann sein, dass ich wieder in die USA gehe und mein Studium fortführe. Vielleicht bin ich ja nach den 19 Monaten wieder so geschlaucht, dass ich mir erneut eine Auszeit gönne.“ Es wird deutlich: Beim Blick in die Glaskugel ist sie mittlerweile äußerst vorsichtig geworden.

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung der Saarbrücker Zeitung veröffentlicht.

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