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International, Olympia 2012

20.08.2012 11:58

Die Chronik des Olympia-Skandals

Von: Bernd-Volker Brahms

Yu Yang und Wang Xiaoli aus China [Foto: Bernd-Volker Brahms]

Die Disqualifikation von acht Badminton-Spielerinnen bei den Olympischen Spielen in London wird als der größte Skandal in die Geschichte des Badmintonsportes eingehen. Wohl weit größer als der Spielabbruch des Thomas Cup-Finals 1967 oder der erste schwerwiegende Dopingfall durch den Indonesier Budiarto Sigit im Jahre 1998. Badzine.de hat eine Chronologie der Ereignisse erstellt, dessen Folgen zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar sind.

 

In Südkorea wurden bereits zwei Trainer gefeuert und die vier betroffenen Spielerinnen des Landes für zwei Jahre suspendiert. Allerdings liegt auch Druck bei der Badminton World Federation (BWF), da  insbesondere aus Spielerkreisen kritisiert wurde, dass der Verband mit der Einführung von Gruppenspielen die Manipulation durch die Spielerinnen erst ermöglicht habe. Der Status der Sportart als olympische Disziplin scheint nicht unmittelbar gefährdet, ist aber durch die Ereignisse geschwächt worden. Hier der zeitliche Ablauf der Vorgänge in der Londoner Wembley Arena:       

31. Juli 2012 (Die Vorgeschichte) – In der Morning Session (ab 8.30 Uhr) des olympischen Badminton-Turniers besiegten das dänische Damendoppel Kamilla Rytter Juhl (28) und Christinna Pedersen (26), Nummer 5 der Weltrangliste, überraschend die im Turnier an Position zwei gesetzten Chinesinnen Tian Qing (25) und Zhao Yunlei (25) mit 22:20, 21:12 – beide Paarungen waren vor diesem letzten Gruppenspiel bereits für die K.o.-Runde qualifiziert, es ging in der Partie um den Gruppensieg und damit die Position im Tableau der K.o.-Runde. Die Niederlage der Asiatinnen löste eine Kettenreaktion aus, da die Chinesinnen nun nicht mehr – wie durch ihren Setzplatzvorgesehen – in der unteren Hälfte des Tableaus, sondern der oberen Hälfte weiterspielen mussten, wo auch ihre an Position eins gesetzten Landfrauen Yu Yang (26) und Wang Xiaoli (23) zu finden sein würden.

31. Juli 2012 (Skandalspiel I) – In der Abendsession traten im letzten Gruppenspiel der Gruppe A die topgesetzten Chinesinnen Yu Yang und Wang Xiaoli (Weltmeisterinnen 2011) ab etwa 19.20 Uhr gegen die Südkoreanerinnen Jung Kyung-Eun (22) und Kim Ha-Na (22), Nummer 8 der Weltrangliste), an und verloren nach nur 23 Minuten (1. Satz:  9 Min.; 2. Satz: 11 Min.) mit 14:21, 11:21. Ganz offensichtlich wollten die Chinesinnen absichtlich verlieren, um in der K.o.-Runde erst im Finale und nicht schon im Halbfinale auf ihre Landfrauen Tian/Zhao zu treffen.  Ab 8:12 im ersten Satz schlugen die Chinesinnen ihren Aufschlag jeweils ins Netz, wenn sie an der Reihe waren – insgesamt neunmal. Als mittlerweile Unmut im Publikum laut wird und immer lauter gebuht wird, ruft Schiedsrichter Toi Tsutomu aus Japan den Oberschiedsrichter Torsten Berg (Dänemark) um Hilfe. Als Aufschlagrichter in dieser Partie fungierte im Übrigen der einzige deutsche Vertreter Mark Speight (Vlotho). Berg ermahnt alle vier Spielerinnen, ein „ernsthaftes Spiel“ zu absolvieren und droht mit Disqualifikation, zwischenzeitlich hatten die Koreanerinnen das „faule Spiel“ der Chinesinnen durchblickt und ihrerseits einfachste Bälle „verhauen“. Farbige Karten als Ermahnung werden nicht verteilt.

Nach einem der kürzesten Spiele des gesamten olympischen Turniers verlassen die Koreanerinnen unter Pfiffen der Zuschauer nach 23 Minuten als Sieger den Platz. Im Übrigen hatte der IOC-Präsident Jacques Rogge (Belgien) die Wembley Arena kurz vor Beginn des Skandalspiels verlassen; er hatte mit anderen IOC-Mitgliedern (u.a. Li Lingwei, China) am Nachmittag ein Meeting mit offiziellen der Badminton World Federation (BWF). Dort hatte sich Rogge bei einer Rede äußerst wohlwollend über den Badmintonsport geäußert. Der Belgier sah ab 18.30 Uhr die ersten Spiele der Abendsession. Bereits kurz nach dem Ende des Skandalspiels berichteten erste Agenturen darüber. Die Deutsche Presseagentur (dpa) meldete: „Chinesisches Damendoppel verliert absichtlich“.  Noch am Abend werden die Fernsehbilder von den Chinesinnen, wie sie absichtlich die Aufschläge ins Netz hauen weltweit gesendet. Die Spielerin Yu Yang verteidigt vor Journalisten ihr Spiel: „Wir mussten uns erst einmal an die Hale gewöhnen, außerdem sind die Koreanerinnen sehr starke Gegner. Wir wussten dass wir morgen ein schweres Spiel haben werden und haben daher unsere Kräfte  gespart.“ 

31. Juli 2012 (Skandalspiel II) – In der Abendsession treten gegen 21 Uhr die an Position drei gesetzten Südkoreanerinnen Ha Jung-Eun (25) und Kim Min-Jung (26) gegen die Indonesierinnen Meiliana Jauhari (28) und Greysia Polii (24), Nummer 12 der Weltrangliste, um den Sieg in der Gruppe C an. Die leicht favorisierten Koreanerinnen gewinnen nach 54 Minuten mit 18:21, 21:14, 21:12, allerdings zeigten beide Paarungen, dass sie nicht mit dem letzten Biss gewinnen wollten: denn der Sieger „durfte“ nunmehr in der folgenden K.o.-Runde gegen die haushohen Turnierfavoriten Yu Yang und Wang Xiaoli antreten. Schon beim Stand von 4:3 im ersten Satz tritt der stellvertretende Oberschiedsrichter Dennis Li aus Hongkong auf den Plan und wedelt vor allen vier Spielerinnen mit einer schwarzen Karte herum. Der schwarze Karton, der gleichbedeutend mit der Disqualifikation ist, wurde noch nie bei einem Turnier zuvor angewandt. In London intervenierten die Trainer beider Paarungen, woraufhin weitergespielt wurde.  Insbesondere zum Ende des Spiels gab es vermehrt Pfiffe und Buh-Rufe aus dem Publikum.

1. August (Die Reaktionen) – Noch in der Nacht beschäftigte sich die Disziplinar-Kommission der BWF (unter Vorsitz von Torsten Berg)  mit den Vorfällen und sah sich die Spiele in voller Länge auf Video an.  Da die Mitglieder einen Verstoß gegen die Ethik-Regeln des Verbandes sahen, luden sie um 1.30 Uhr nachts die beteiligten acht Spielerinnen aus China, Korea und Indonesien für den Vormittag in das Wembley Plaza Hotel zu einer Anhörung (war um 11 Uhr abgeschlossen) ein. Es wurde ihnen offeriert, dass sie alle disqualifiziert werden. Bis um 13 Uhr Ortszeit gab man ihnen Zeit, einen Einspruch gegen diese Entscheidung einzulegen. Der genaue Vorwurf war verbunden, mit den Ethikregeln Nr. 4.5. („Fehlen des bestmöglichen sportlichen Einsatzes“) und 4.15. („Unsportliches Verhalten“). Das koreanische Team sowie die Indonesier legen Einspruch gegen die Entscheidung ein, wobei die Indonesier diesen kurzfristig – noch vor Entscheidung durch die Einspruch-Kommission – wieder zurückziehen. Die Chinesen reagieren gar nicht.

Durch erste Medienberichte dringt zur Mittagszeit durch, dass die BWF alle acht Spielerinnen disqualifiziert hat. Im britischen Fernsehen laufen Statements von IOC-Präsident Jacques Rogge und Olympia-Cheforganisator Sebastian Coe, die durch das Verhalten der Spielerinnen einen Schaden für die olympische Sache sehen. Gegen 14 Uhr gibt BWF-Generalsekretär Thomas Lund (Dänemark) vor der Presse in der Wembley Arena eine rund zweiminütige Erklärung ab, in der er vorliest, dass die acht Spielerinnen disqualifiziert sind und das ein Einspruchsverfahren der Südkoreaner noch laufe. Über den Einspruch und das Ergebnis  werde zu einem späteren Zeitpunkt berichtet, sagte Lund, der in der Pressekonferenz vom stellvertretenden BWF-Präsidenten Paisan Rangsikitpho (USA) begleitet wurde, der aber nichts gesagt hat. Fragen von Journalisten wurden nicht zugelassen. Noch am Nachmittag bestätigte Thomas Lund in einer weiteren Pressekonferenz, dass der Einspruch der Koreaner abgelehnt sei und die Spieler somit rechtskräftig disqualifiziert. Diesmal werden auch Fragen zugelassen. Der Verband habe mit der Disqualifikation im Interesse der übrigen Spieler gehandelt, sagte Lund. Die verbannten Spielerinnen hätten der Sportart einen Schaden zugefügt. Es sei wichtig gewesen, dass sich die BWF des Problems angenommen und eine Entscheidung getroffen habe. „Leider wird dieser Vorgang zu unserer olympischen Geschichte gehören“, sagte der Däne. Von Fehlern der BWF, die in London erstmals eine Gruppenphase eingeführt habe, wollte er indes nichts wissen. „Es gab ein unsportliches Verhalten, das musste geahndet werden“, sagte Lund. Selbstverständlich werde es eine Analyse der Ereignisse und des Spielsystems geben. Allerdings: „Die erstmals durchgeführten Gruppenspiele waren ein überwältigender Erfolg“, sagte der Generalsekretär. Im Übrigen sei der olympische Status der Sportart aus seiner Sicht nicht gefährdet, es werde auch keine weiteren Sanktionen gegen die Spielerinnen geben. „Auch andere Verbände haben schon Probleme gehabt.“

Als Folge der Disqualifikation rückten vier Paarungen aus Südafrika, Russland, Australien und Kanada nach, die noch in der Abendsession ihre Viertelfinalpartien absolvieren mussten. Die Lucky Looser hatten in den Gruppen A und C ursprünglich als Dritte und Vierte abgeschlossen. „Wir wurden vormittags informiert, dass wir möglicherweise ins Turnier nachrücken“, sagte die Kanadierin Alex Bruce. Sie hätten sich in einem Hotel bereitgehalten und erst um 15.30 Uhr erfahren, dass sie gegen 18 Uhr antreten müssen.

2. August (Die Folgen) – Die 26-jährige Chinesin Yu Yang erklärt ihren Rücktritt. „Das war mein letzter Wettkampf. Lebewohl Badminton-Verband, lebewohl mein geliebtes Badminton“, schrieb sie bei Weibo, einem Mikroblog, der ähnlich wie der Kurznachrichtendienst Twitter funktioniert.  Yu Yang war 2008 bereits Olympiasiegerin im Damendoppel, gewann 2011 die Weltmeisterschaft und wurde 2011 zusammen mit Spielpartnerin Wang Xiaoli von der BWF als Spielerinnen des Jahres ausgezeichnet worden. Beim Thomas- und Uber Cup-Finale 2012 in Wuhan sprach sie stellvertretend für alle Teilnehmer den Fair-Play-Eid.

BWF-Generalsekretär Lund bestätigt eine Aussage des Vortages, wonach es keine weiteren Disziplinarmaßnahmen gegen die disqualifizierten Spielerinnen geben werde. Er reagierte damit auf Meldungen, wonach das IOC die betroffenen NOCs aufgefordert hatte, auch zu untersuchen, ob Trainer an der Manipulation mitgewirkt haben. „Das ist ein völlig anderer Vorgang“, so Lund.

4. August (Die Folgen) – Im Spiel um die Bronzemedaille besiegen die Russinnen Nina Vislova und Valeria Sorokina die Kanadierinnen Alex Bruce und Michelle Li mit 21:9, 21:10. Beide Paarungen waren ursprünglich bereits ausgeschieden und nur durch en Skandal wieder ins Turnier gerückt. Für Russland war es die erste olympische Badmintonmedaille. Zwei Japanerinnen gewannen Silber und bescherten ihrem Land ebenfalls die erste Medaille in der Sportart.

5. August (Die Folgen) – In einer Abschlusspressekonferenz am letzten olympischen Wettkampftag in der Wembley Arena betonte der BWF-Präsident Dr. Kang Young Joong (Südkroera), dass die BWF die Disqualifikation der acht Spielerinnen nicht auf Druck des IOC vorgenommen haben. „Es hat keinen Druck gegeben“, sagte Kang. Die BWF sei ein eigenständiger Verband mit geregelten Vorschriften und Disziplinarverfahren. Die Entscheidung sei vom Disziplinar-Komitee getroffen worden und inzwischen vom BWF-Vorstand und auch der Athletenkommission für richtig worden.

14. August (Die Folgen) – Die Badminton Korea Association (BKA)  suspendierte die vier koreanischen Spielerinnen für zwei Jahre von allen nationalen und internationalen Wettkämpfen. Außerdem wurden der Chef-Trainer Sung Han Kook und Damendoppeltrainer Kim Moon-Soo entlassen. Alle können noch bis zum 21. August einen Einspruch gegen die Entscheidung einlegen.   @NEWPAGE@

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