Stars 02.02.2019

Marc Zwiebler: Bevor ich nur meckere, probiere ich, etwas zu ändern

Marc Zwiebler: Bevor ich nur meckere, probiere ich, etwas zu ändern
Marc Zwiebler [Foto/Archiv: Julian Pletz]
Von Berthold Mertes
Der frühere Europameister Marc Zwiebler aus Bonn setzt sich für Athletenrechte ein. Im Interview mit dem General-Anzeiger spricht er über seine Ambitionen als Athletenvertreter und über das Treffen mit IOC-Präsident Thomas Bach.
Bis zu seinem Arbeitsplatz in der Adenauerallee hat Marc Zwiebler von seiner Wohnung in der Südstadt keine zwei Kilometer. Früher, als sich der Beueler Jung während seiner Schulzeit auf den Weg in die Badminton-Weltklasse machte, war die Erwin-Kranz-Halle unweit des Elternhauses sein tägliches Ziel. Seit dem Ende der Sportkarriere arbeitet der inzwischen 34-Jährige für die Agentur Kreait, die von Berlin und Bonn aus Unternehmen quer durch alle Branchen berät. Zu den Kunden zählen Lego, Daimler, Red Bull, ProSiebenSat1 – und die Europäische Fußball-Union (Uefa).

Dem Sport ist Zwiebler weiterhin eng verbunden. Vor dem Ball des Sports der Deutschen Sporthilfe an diesem Samstag in Wiesbaden sprach Berthold Mertes mit dem dreimaligen Olympiateilnehmer und Europameister von 2012 über seine Ambitionen als Athletenvertreter - und über die Eindrücke vom jüngsten Treffen mit IOC-Präsident Thomas Bach.

Herr Zwiebler, freuen Sie sich mehr auf Ihren Auftritt beim Ball des Sports oder auf das Menu, das Sternekoch Nelson Müller zubereitet?

Marc Zwiebler: Ich freue mich generell, weil ich das erste Mal da bin. Tatsächlich ist der Ball immer gleichzeitig mit den deutschen Badmintonmeisterschaften. Bislang hatte der Sport für mich immer Vorrang – jetzt darf ich endlich auch mal zum Ball des Sports.

Sie haben einen Auftritt. Was erwartet die Ballgäste?

Zwiebler: Das Motto ist dieses Jahr "Ball der Bälle". Badminton ist eine der Sportarten, die mit ein paar Ballwechseln in einem Showprogramm vorgestellt werden. Dazu darf ich nochmal das Trikot überstreifen und auf die Bühne - wie übrigens auch die Ehemaligen Birgit Overzier und Karin Schnaase. Ich hoffe, unsere Kondition reicht.

Sie sind als Athletenvertreter stark engagiert - seit Jahren im Badminton-Weltverband - und seit 2018 auch im Verein Athleten Deutschland. Was ist Ihr Antrieb?/

Zwiebler: In jeder Organisation sieht man Dinge, die nicht so gut laufen. Ich habe immer gedacht, bevor ich nur meckere, probiere ich, etwas zu ändern. Das war immer spannend, weil ich zumindest Entscheidungen besser nachvollziehen konnte.

Was haben Sie schon mal erreicht?

Zwiebler: Der Deutsche Badminton-Verband war immer sehr offen für das Feedback von Spielerseite. Auf Weltverbandsebene haben wir zum Beispiel kostenlose Sprachkurse sowie Medien- und Bewerbungstrainingskurse für Athleten durchgesetzt.

Es gibt die Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) - wozu benötigt man nun auch noch den neuen Verein Athleten Deutschland?

Zwiebler: Der Sport hat sich in den letzten zehn Jahren so stark weiter professionalisiert und die Themen immer komplizierter werden lassen - da sind unsere Interessen mit einem Ehrenamt nebenbei nicht mehr zu vertreten. Es gibt im Jahr mehr als 100 wichtige Termine. Deswegen sucht "Athleten Deutschland" aktuell einen hauptamtlichen Geschäftsführer mit zwei Referenten - um die Athleten auch bei komplexen Sachverhalten gut vorbereitet zu vertreten.

Gemeinsam mit den Athletensprechern Max Hartung und Silke Kassner haben Sie im September Thomas Bach in Lausanne getroffen - wie ernstgenommen haben Sie sich vom Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees gefühlt?

Zwiebler: Thomas Bach war mit seiner kompletten Manschaft vor Ort und wir hatten ein langes Gespräch. Natürlich ist da eine gewisse Waffenungleichheit. Wir als eine Handvoll Sportler, die ehrenamtlich darum kämpfen, den Athleten eine stärkere Stimme zu geben - wir sitzen Leuten gegenüber, die eine Riesenerfahrung haben. Wir haben aber das gute Gefühl gehabt, ernstgenommen zu werden. Auch, weil die breite Öffentlichkeit auf unserer Seite ist.

Es ging ja darum, dass mehr finanzielle Mittel aus den immensen IOC-Einnahmen bei den Sportlern ankommen sollen. Welche Ergebnisse haben Sie mitgenommen?

Zwiebler: Es gibt kein wirklich wichtiges Ergebnis. Das IOC hat dargestellt, dass 90 Prozent seiner Einnahmen wieder an den Sport ausgeschüttet werden. Wir haben die Wege und Kanäle kritisiert, wie das geschieht. Aber ich glaube, dass wir in dieser personellen Konstellation erst mal nur die Diskussion anregen konnten.

Warum nicht mehr?

Zwiebler: Wir wären naiv, wenn wir glauben würden, dass wir mal kurz nach Lausanne fahren und dort das olympische Finanzierungsmodell umkrempeln. Wäre schön gewesen, aber so was dauert halt leider. Es ist wichtig, unsere Meinung offen und laut zu sagen und die Diskussion anzustoßen. Zudem sind wir die Athleten Deutschlands und international zwar gut vernetzt, aber noch nicht wirklich aufgestellt. Das kommt hoffentlich in Zukunft.

Aber Sie sind nicht auf Beton gestoßen?

Zwiebler: Das ist schwierig zu interpretieren. Das IOC hat uns mehr oder weniger präsentiert, was alles Gutes getan wird. Davon glaube ich auch vieles, nicht alles ist schlecht. Aber es gibt Verbesserungspotenzial.

Haben Sie das Gefühl, dass den IOC-Funktionären stromlinienförmige Athleten lieber sind?

Zwiebler: Sicherlich. Aber wir müssen klarstellen, dass wir am Ende des Tages diejenigen sind, um die es geht. Dass wir viele Dinge nicht gutheißen, die im internationalen Sportbetrieb passieren.

Welches sind Ihre wichtigsten Ziele?

Zwiebler: Der Schutz vor Missbrauch. Den Sportlern neben sportlichen auch berufliche Perspektiven zu bieten. Und nicht zuletzt Mitbestimmung: Es darf keine Entscheidung über Athleten ohne Beteiligung der Athleten geben.

Wie weit ist der Weg, um wirklich etwas zu bewegen?

Zwiebler: Er ist auf jeden Fall sehr lang und kompliziert - aber irgendjemand muss ihn ja gehen. Den Anfang hat die Speerspitze mit Max Hartung und Silke Kassner gemacht. Jetzt gilt es, das auszubauen. Natürlich können wir uns nicht zu Beginn auf Augenhöhe mit dem IOC anlegen. Deswegen müssen wir zuerst die Hausaufgaben für die deutschen Athleten zu machen, die uns gewählt haben.

Welche davon sind schon erledigt?

Zwiebler: Es gibt schon viele Erfolge, wir könnten sie nur besser kommunizieren. Ein persönlicher Erfolg von Max Hartung sind die Änderungen, die er für Sportsoldaten ausgehandelt hat. Die Bundeswehr, die bekanntlich ein Personalproblem hat, will zum Beispiel Sportlern künftig ermöglichen, auch erst nach ihrer Karriere eine Offizierslaufbahn einzuschlagen und somit echte berufliche Perspektiven mit Aufstiegsmöglichkeiten zu bieten. Für den Einzelnen kann das die Zukunft verändern. Oft wenden sich Sportler vertraulich an uns. Wir versuchen, dann durch Gespräche und unser Netzwerk zu helfen.

Was muss international passieren, damit die Athleten eine stärkere Stimme gegenüber Bach und dem IOC haben?

Zwiebler: Der Austausch mit den Sportlern anderer Nationen muss intensiviert werden. Wir werden beim Aufbau unseres Vereins momentan sehr beäugt, zumal wir schon im Austausch mit den Niederlanden, der Schweiz und den USA sind. Umso wichtiger ist es, im ersten Schritt national gute Arbeit zu leisten und vielleicht als Beispiel für andere zu dienen. Die Probleme ähneln sich überall.

Welche persönlichen Ziele stehen auf der Agenda Ihrer Funktionärslaufbahn?

Zwiebler: Funktionärslaufbahn hört sich ganz furchtbar an.

Stimmt.

Zwiebler: Ich sehe mich nicht als Funktionär, sondern weiterhin deutlich mehr als Sportler. Meine persönlichen Ziele decken sich mit dem Aufbau des Vereins Athleten Deutschland. Das ist ganz schön viel. Uns wurden öffentliche Mittel bewilligt und nun stehen wir in der Verantwortung, damit umzugehen. Das ist nicht so einfach, wenn man bei null anfängt, zum Beispiel einen Verein zu verwalten. Kurzfristiges Ziel ist es, das ans Laufen zu kriegen.

Und langfristig? Irgendwann Nachfolger von Thomas Bach zu werden?

Zwiebler: Ne, ne, ne. Für mich ist es das Ziel, dem Sport mitzuhelfen, dass er gesellschaftlich die Relevanz und Akzeptanz findet, die er und die Athleten verdienen. Wenn ich dazu einen Beitrag leisten und etwas zurückgeben kann, dann habe ich meine Ziele erreicht.

Die finanzielle Situation vieler Spitzensportler erscheint kritisch. In einer neuen Sporthilfe-Studie ist ein durchschnittlicher Stundenlohn von 7,41 Euro errechnet worden. Ist die Lage wirklich so ernst?

Zwiebler: Ja, wenn man außerhalb des Fußballs die paar Hände voll von Topverdienern rausnimmt. Was mich an der Studie am meisten beeindruckt hat, war die Umfrage, was die Leute wohl denken, was ein Spitzensportler so verdient. Da kam irgendwas mit achteinhalb tausend Euro netto raus. Diese Zahl, verglichen mit der Realität, zeigt einfach, dass die Mehrheit der Deutschen kein Gespür dafür hat, was man alles leistet und wie wenig man monetär zurückbekommt.

Wer einen gesunden Menschenverstand hat, dürfte also beispielsweise im Badminton niemals Hochleistungssportler werden ...

Zwiebler: Ich tue mich schwer damit, die Athleten als Opfer zu sehen, weil es etwas ist, was man freiwillig macht, es zwingt einen keiner. Zudem ist es ein Privileg, für sich, seinen Verein, sein Bundesland oder Deutschland zu starten. Trotzdem würde ich wünschen, dass die sportliche Leistung mehr anerkannt wird.

Wie wichtig ist der Ball des Sports, bei dem ja vornehmlich Wirtschaftbosse an den Tischen sitzen?

Zwiebler: Als einzelne Veranstaltung kann er nichts Grundlegendes verändern, aber als Leuchtturm-Event der Deutschen Sporthilfe hat er eine sehr wichtige Funktion.

Wegen des Geldes, das für die Förderung akquiriert wird?

Zwiebler: Als einer der größten Sport-Charity-Events in Europa ist er eine prima Einnahmequelle. Aber was die Sporthilfe so wichtig macht, ist ja nicht nur der monetäre Bereich. Sondern nicht zuletzt, dass Wirtschaftsunternehmen für Partnerschaften gewonnen werden, über die den Sportlern Praktika und bestenfalls der Berufseinstieg ermöglicht werden. Der Ball ist wichtig für das Netzwerk - und weit mehr als das krönende Jahresevent der Sporthilfe.

Der Artikel erschien im heutigen Bonner General-Anzeiger. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung







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